Dienstag, 14. November 2017

Am Sack packen

Wir sehen es täglich. Im Straßenleben. In der U-Bahn. Im Kaufladen. Im Museum. Überall, wo Männer gehen und stehen. Ein Mann packt sich am Sack. Sackpackmann. Nicht nur im Ausland. Auch deutsche Männer tun es. ‚Südländisch‘ aussehende Männer tun es (gefühlt) noch viel öfter. Und noch viel öffentlicher.

Mann packt am Sack

Der Tourist auf dem Foto, bevor er fotografiert wird: Er posiert im Triumphbogen eines antiken Amphitheaters in der Türkei.


Früher stand hier die marmorne Statue eines griechischen Gottes. Jetzt er. Da rückt er sich ins rechte Licht und ruckelt noch mal an seinem Sack. Warum? Und warum in aller Öffentlichkeit? Für das Foto ist es am Ende ohne Bedeutung.

Ist das das männliche Äquivalent dazu, dass wir Frauen noch mal schnell in den Spiegel der Puderdose schauen oder uns die Lippen nachziehen?

In meinem Kiez gibt es seit kurzem einen arabischen Lebensmittelladen. Endlich. Ich mag den Laden. Ich mag die Besitzer. Sie kommen aus Syrien. Das kleine Geschäft ist Kommunikationszentrale, Heimwehapotheke und kulinarische Botschaft des Orients gleichermaßen. Ein buntes Sortiment an Alltagsdingen, Delikatessen und Haushaltsartikeln. Es duftet nach Gewürzen, nach Sonne und Bazar. Ein kleiner Urlaub im Alltag. Zu jedem Einkauf gibt es ein süßes, hocharomatisches Fruchtbonbon als Dankeschön.

Er hat immer frischen grünen Koriander im Angebot. Den gibt es hier im deutschgrauen Plattenbau Ost sonst nirgends. Nicht nur deswegen gehe ich regelmäßig hin.

Neulich mal wieder, mit Koriander, Rosensirup und Tahin beladen stand ich an der Kasse. Nicht viel zu tun, wir unterhielten uns. Ich fragte den Chef nach der Bedeutung des Geschäftsnamens. Aimaya. Mein (neuerdings) arabisches Wörterbuch kannte das Wort nicht.

Er lächelte herzlich und erzählte, dass er das Wort erfunden habe. Es besteht aus einzelnen Silben der Namen seiner Töchter. AI-sha und Se-MAYA. Wie schön. Insgesamt hat er vier Kinder. Er hätte auch die Namen seiner Söhne dafür verwenden können. Aber er hat die der Töchter bevorzugt.

Während wir uns so unterhielten, musste er die ganze Zeit zu mir aufsehen, denn er saß auf einem Bürodrehstuhl hinter seinem niedrigen Kassentisch. Ich stand davor und sah: Er grabbelte sich die ganze Zeit am Sack. Direkt unter meinen Augen. Ich war irrtiert: Er sprach mit mir, lächelte mich herzlich an und packte sich am Sack. Immer wieder.

Was hat das zu bedeuten? Ist es eine nahöstliche Variante, einer Frau gegenüber Wohlgefallen, Respekt und Achtung auszudrücken? Vielleicht doch eher das Gegenteil davon? Oder ist es einfach reine mannsgemütliche Achtlosigkeit? Manspreading?

Ich pule mir doch auch nicht in aller Öffentlichkeit in der Möse. Niemals. Nicht einmal dann, wenn ich einem Mann gegenüber Interesse oder Abscheu zum Ausdruck bringen will. Sollte ich mir das vielleicht angewöhnen? So rein aus kreativer Gegenwehr?

Der arabische Ladenbesitzer jedenfalls packte nach dem Sackpackplausch meinen Koriander in eine Tüte. Das fand ich unappetitlich. Ich habe nicht gewagt, ihn darauf anzusprechen. Aber ich bin lange nicht mehr hingegangen.

1 Kommentar :

  1. Uah widerlich...ich meine dass das Anmache ist, der obszönsten Art. Hab ich letztens auch erst erlebt, nur ohne Theke dazwischen sondern wir beide standen uns gegenüber.
    Das nächste mal frag ich: "na is die Unterbuxe so eng, oder was?" oder"haste Läuse?".
    Schade, dass frau sowas immer wieder erleben muss.
    Liebe Grüße!

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