Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Sonntag, 6. März 2016

Barbara

- Auf dem Hexenbesen durch das Musikerinnen-Alphabet! -

Weiter geht es heute mit dem schönen runden Buchstaben B:

Dieser Sonntag ist nasskalt und deutschgrau, da will keiner vor die Tür. Wir betrachten alte Fotografien in schwarzweiß und Videos mit Menschen, die unser Leben längst verlassen haben.

Dazu perlt die Musik von Barbara durch den Raum, auch ihr Video ist schwarzweiß, aus dem Jahr 1962 - und auch sie ist nicht mehr da und doch jede Sekunde Zuhörens wert.

 
Barbara - Dis, quand reviendras-tu? (1962)

Die Jüdin Barbara - mit bürgerlichem Namen Monique Serf - wurde 1930 im Elsass geboren, musste in den 40er Jahren vor den Nazis fliehen, besuchte nach dem Krieg das Pariser Konservatorium, studierte klassischen Gesang und Klavier.

In den 50er Jahren sang sie Lieder von Edith Piaf, Juliette Greco, Georges Moustaki, Jacques Brel und Georges Brassens, mit denen sie befreundet war. Sie schrieb und sang eigene Lieder; 1957 produzierte sie die erste eigene Single, es folgten elf Alben bis zu ihrem Tod im Jahr 1997.

In Deutschland berühmt wurde Barbara Mitte der 60er Jahre, unter anderem mit dem Lied "Göttingen" über die deutsch-französische Versöhnung nach dem Krieg.

Der Hamburger Klaus Knust hat Barbara eine wunderbare Biographie-Seite gewidmet.


Sonntag, 24. Januar 2016

Angélique Ionatos

- Auf dem Hexenbesen durch das Musikerinnen-Alphabet! -

Wir fangen einfach wieder bei A an:

Die in Frankreich lebende Exilgriechin Angélique Ionatos schreibt und komponiert eigene Stücke, vertont und singt aber auch Gedichte von Sappho, Nobelpreisträger Odysseas Elytis, Frida Kahlo, Mikis Theodorakis u.v.a. 

"Mes soeurs sorcières" (Meine Hexenschwestern) vom aktuellen Album "Reste la lumière" (2015) - ist, wie sie selbst in einem Interview sagt,  eine "...hommage aux femmes courageuses, eine Hommage für die mutigen Frauen, die gleichzeitig Hexen und vergessene Feen sind ... dieses Lied habe ich für die griechischen Frauen geschrieben ...":


(Die Anmod zu "Mes Soeurs Sorcières" beginnt bei 3:37)

Das erste Mal stieß ich auf ihre Musik ungefähr 1992 im Weltmusik-Plattenladen unter den S-Bahnbögen hinterm Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg. Dort fand ich die CD 'Sappho de Mytilène', auf der sie gemeinsam mit Nena Venetsanou die Lieder der antiken Dichterin singt. In klassischem Griechisch. So, wie sie sich vorstellt, dass Sappho (sprich: sapfó) die wenigen von ihr erhaltenen Texte gesungen haben könnte.

Den spannenden Plattenladen gibt es schon lange nicht mehr; weiß noch eine, wie der hieß? Der Eingang war von der Knesebeckstraße aus, am Diener Tattersall vorbei. Da landete ich regelmäßig, wenn ich Fernweh hatte, aber kein Geld für ein Ticket. Musik aus fremden Ländern hat mich immer getröstet, mir über den grauen deutschen Alltag hinweg geholfen - und tut es bis heute. Vielleicht kann ich euch ja ein bisschen damit anstecken?

Ich hörte die CD im Laden durch, war hingerissen und nahm sie mit. Angélique Ionatos und ihre Musik ließen mich nicht mehr los, begleiten mich bis heute.

Ende der 1990er Jahre hatte ich das große Glück, diese wunderbare Künstlerin einmal vor einem Konzert in der Berlin Marheinekekirche in einem Interview persönlich kennenzulernen.

Auf meine Frage, was sie sagen würde, wenn sie die Gelegenheit hätte, eine halbe Stunde lang mit Sappho zu sprechen, antwortete sie lachend: "Ich würde sie bitten, dass sie für mich singt."

Unerhört!

Samstag, 16. Januar 2016

Mordende Moderatorin?

- Ein Fundstück -

Neulich feierte die ARD Moderatorin Judith Rakers ihren 40. Geburtstag. Sie ist eine Steinziege, wie ich.

gefunden bei: web.de


Normalerweise guck' ich ja kein Klatsch und Tratsch. Ausnahmsweise habe ich mich aber doch durch die Bildergalerie bei web.de geklickt, weil ich diese vielseitige kompetente Frau sehr mag und weil ich ihr sehr gönne, dass sie mit - ab jetzt - jenseits der 40 noch auf so einem öffentlichen Posten arbeiten und sogar in einem Tatort des NDR sich selbst spielen darf.

Mir wurde nämlich damals in dem Alter gesagt, dass eine Frau mit 40 zum alten Eisen gehört und für gute Jobs nicht mehr brauchbar sei. Was auch irgendwie zu stimmen schien: Schlagartig mit meinem 40. Geburtstag bekam ich auf meine durchaus hochqualifizierten Bewerbungen keinerlei Einladung mehr, und eine meiner Qualifikation entsprechende Stelle hatte ich seither nie wieder gefunden.

Das aber nur am Rande, denn eigentlich geht es mir hier um etwas ganz anderes, nämlich um ein wunderbares Fundstück aus meinem Alltag als 'Korrekturleserin ohne Auftrag':

Laut web.de ist oder war Frau Rakers Fachfrau für mörderische Aktivitäten. Sie hat das allseits bekannte (?!?) "ARD Nachrichtenformat" Mordenmagazin moderiert. So steht es in der Bildunterschrift. Habt Ihr's bemerkt?!

Das "Mordenmagazin" kenne ich zwar noch nicht, aber vielleicht mag mich jemand aufklären. Als bekennende Krimileserin mit inzwischen wirklich professionell inspirierten Mordsphantasien mag ich Frau Rakers ab sofort noch viel mehr, und ich könnte sie mir auf einem solchen Posten auch sehr gut vorstellen: So erschreckend harmlos wie sie wirkt sonst keine!

Freitag, 8. Januar 2016

Jahreszitat 2016

Meine Lebensveränderungen im vergangenen Jahr waren für mich so groß, so fundamental und gewaltig, dass ich unverändert mit Sortieren, Loslassen und Ankommen beschäftigt bin.

Schon ausgepackt? Schon eingelebt?

Schließlich habe ich die Gegend, die ich gerne 'Heimat' genannt hätte, nicht ganz freiwillig verlassen. Den Ort, wo ich hin bin, den habe ich mir dann zwar selbst ausgesucht, weil ich möglichst nah ans Meer wollte – aber fortgezogen aus dem sonnig warmen Südwesten bin ich vor allem, weil es für mich keine bezahlbare Unterkunft mehr gab und ich kurz vor der Obdachlosigkeit stand.

Der katholische Vermieter im spießigen Winzerdorf hatte mich wegen „Eigenbedarf“ vor die Tür gesetzt, und es gab für mich als „Hartz-IV-Aufstockerin“ einfach keine günstige Wohnung, deren Kosten das Jobcenter als 'angemessen' übernommen hätte. Ein weiteres Trauma, das erst noch irgendwie verputzt werden will.

Es war ein unermessliches Glück, dass ich meine jetzige Wohnung überhaupt gefunden habe, dass ich hier einziehen durfte und dass alles alles alles geklappt hat. Es war dazu auch nicht nur Glück notwendig, sondern ebenso viel eigene Arbeit und Unterstützung  von vielen mir wohl wollenden Menschen. 

Für dieses große Glück und die Chance auf einen „Reset", einen Neuanfang nach vielen Jahren unglücklichen und glücklosen Seins im Südwesten – meinem „toten Jahrzehnt" – bin ich unendlich dankbar. Es macht ja auch großen Spaß, all das viele Neue, Unbekannte ... Abenteuer im wilden Osten!

Dennoch:

Der Umzug – mehr als 1000 km quer durch Deutschland von Südwest nach Nordost – hat meinen Alltag radikal verändert: Ich habe mich aus meinem Freundeskreis und Arbeitsumfeld gerissen, habe mich (wieder einmal) selbst entwurzelt und bin am neuen Ort erst einmal unendlich verloren in meiner Einsamkeit. Das lässt sich nicht von heute auf morgen einfach abstellen. Ich lerne zwar schnell neue Menschen kennen, aber ich begegne nur wenigen, die ich wirklich in meinem Leben nah dabei haben will.

Das Ankommen dauert, und es dauert alles viel viel länger als ich anfangs dachte. Innerlich bin ich immer noch so aufgewühlt, dass ich mich kaum äußern kann und mag – und öffentlich schon gleich gar nicht. Ich habe noch lange nicht fertig sortiert, es ist längst nicht alles aufgeräumt.

Dabei bin ich so ein ungeduldiger Mensch, will alles immer sofort und alles immer perfekt erledigt haben, weil mein Leben mich sonst zwickt und zwackt und sich so unerträglich anfühlt wie ein neues, steifes, noch nicht gewaschenes Kleidungsstück.

Ein 'schönes perfektes geselliges erfolgreiches glückliches Leben' kann ich nicht ZACK! so einfach herbeizaubern (bin ja schon froh, wenn ich das mit der Gesundheit so einigermaßen hinkriege). Ich gestehe, ich habe die Radikalität des Wechsels unterschätzt und hatte gehofft, dass es mir leichter fallen würde, mich in der Fremde als "freie Wurzellose/Radikale" einzurichten.

Ankommen, Boden unter die Füße schaffen, vielleicht auch wieder neue Wurzeln schlagen – all das braucht Zeit, braucht Netzwerken, Mut, Neugier, Geld auch. Ich benötige diesmal mehr Zeit als früher, um mich willkommen geheißen, um mich angekommen und heimisch zu fühlen. Damals, bei meinen großen Ortswechseln im Alter von 20, 30, 40 Jahren fiel mir das erheblich leichter als jetzt mit halbe Hundert plus.

All die gut gemeinten freundlichen Nachfragen „Und, hast du dich schon eingelebt?“ beantworte ich mit der ebenso freundlichen, weil erwarteten Erfolgsmeldung „Ja klar! Alles ist gut“, – und meine damit, dass ich die meisten Kartons ausgepackt habe, dass ich weiß wo der nächste Supermarkt ist und der Schuster, dass die Heizung funktioniert und die Katze gesund ist.

Innerlich aber schreie ich „Nein! Wie kannst du das nur fragen?! Ein Leben, mein Leben ist das hier noch lange nicht! - Nun setz' mich doch nicht so unter Druck und lass 'mir die Zeit, die ich brauche! Schau doch hin, wie es mir wirklich geht und womit ich beschäftigt bin! Ich kann doch noch gar nicht „eingelebt“ sein! Das ist ja genau so, wie wenn einer fragt, ob ich das Essen schon fertig habe – obwohl er genau sieht, dass ich noch nicht einmal mit Kartoffelschälen fertig bin.“

Deswegen. Hat es so lange gedauert, bis ich mein aktuelles Jahreszitat küren konnte. Und genau deswegen! Verkünde ich für 2016 das Motto

Geduld macht gute Bratkartoffeln.

Das mag jetzt nach flapsigem Sponti-Spruch und piefigem Bratkartoffelverhältnis klingen. Ist es aber nicht.

Es bedeutet nämlich keineswegs, dass ich die Hände faul und untätig in den Schoß legen kann und will oder dass ich darauf warte, dass andere meine Hausarbeit erledigen. Gute Bratkartoffeln machen sich nicht von alleine.

Ich brauche nicht nur die richtigen Zutaten von bester Qualität, stimmige Voraussetzungen und sorgfältige Vorbereitung. Darum muss ich mich eingehend kümmern: Das Wichtigste sind gute Kartoffeln. Außerdem brauche ich eine Pfanne und einen funktionierenden Herd oder zumindest eine Feuerstelle. Ein scharfes Messer zum Schälen. Als weitere Zutaten brauche ich gutes Öl, das nicht raucht und ein paar Körnchen Salz. Das sind die unverzichtbaren Basics.

Alles andere ist Kür und unterliegt der Wandlung des aktuellen Geschmacks: Pfeffer kann dazu und Petersilie, auch Speck und Zwiebel; vielleicht sogar ein Ei – das ist dann schon Luxus.

Vor allem wollen die Bratkartoffeln aufmerksam beobachtet und zur rechten Zeit gewendet werden, nicht zu früh und nicht zu spät. Das Feuer unter der Pfanne darf nicht zu heiß und nicht zu schwach sein, denn wir mögen unsere Fried Potatoes weder angebrannt noch dürfen sie bleichgesichtig auseinanderfallen.

Zur Geduld gehören also auch blitzwache Achtsamkeit und profunde Kenntnisse des Handwerkszeugs. Sonst werden die Bratkartoffeln keine guten.

Geduld macht gute Bratkartoffeln ...

… bedeutet übrigens nicht, dass es jetzt bei mir nichts anderes mehr zu essen gibt. Es darf auch mal schnell ein feuriges Steak geben, es darf auch mal Fastfood sein oder die geschenkten Früchte aus Nachbars Kleingarten oder auch mal gar nichts.

Alles zu seiner Zeit.

Ich wünsche Euch allen ein gutes Jahr 2016 voll der köstlichsten Überraschungen und dass nicht nur die Bratkartoffel-Projekte gut gelingen – aber die vor allem!

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Rostock hilft

Seit Anfang September kommen auch hier im Nordosten der Republik vermehrt flüchtende Menschen aus verschiedenen Ländern an. Sie haben ihre Heimat in Afghanistan-Eritrea-Irak-Syrien-Tschetschenien-Ukraine verlassen, sind geflohen vor Krieg und anderen lebensbedrohlichen Zuständen.

Mehrere Hundert sind es täglich allein in Rostock. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Ankünfte sind nicht vorhersehbar, nichts ist planbar. Viele treffen am Rostocker Hauptbahnhof ein, kommen über Hamburg. Viele von ihnen sind 'nur' auf der Durchreise, möchten weiter nach Skandinavien: Vom Rostocker Überseehafen aus legen Fähren nach Dänemark, Schweden und Finnland ab.

Tor zur Welt:
'Flüchtige' Fähre zwischen den Molen von Warnemünde

Die Flüchtenden-Ankommenden-Weiterreisenden angemessen zu versorgen mit Informationen, Verpflegung, Unterkunft, Kleidung, medizinischer Versorgung, Transport, Fahrkarten und anderen Not-Wendenden Ressourcen ist eine nicht nur logistische Herausforderung, die es in sich hat.

Ungezählte haupt- und ehrenamtliche Helfer*innen sind engagiert dabei, u.a. das Deutsche Rote Kreuz Rostock mit Not- und Transitunterkünften, das Ökohaus Rostock mit den offiziellen Flüchtlingsunterkünften; auch die Stadt Rostock hat (etwas spät, aber doch) Anfang Oktober eigens ein neues 'Amt für Flüchtlingsangelegenheiten und Integration' eingerichtet.

Eine Initiative, die mich besonders fasziniert, ist „Rostock hilft“. Unter dem Motto "Freedom of movement is everybodies right!" werden die geflohenen Frauen, Männer und Kinder schnell und unbürokratisch auf jede nur denkbare Weise unterstützt.

Logo der Hilfsplattform
Rostock hilft

Wie an vielen anderen Orten in Deutschland ist auch 'Rostock hilft' eine lockere Gemeinschaft, ein Schwarm von Helfenden studentischen Ursprungs, der sich über die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und ein Blog selbst organisiert.

Das Ganze mit einer Geschwindigkeit und Effizienz, die nicht nur mich ehrfurchtsvoll mit den Ohren schlackern und mit großen Augen staunen lässt. JedeR ist eingeladen und willkommen zu helfen. Egal wie alt du bist und egal wo dein Ausweis wohnt: We are one Planet.

'Rostock hilft' bietet nicht nur eine zentrale Telefonnummer für die Koordination aller Hilfsaktivitäten, es gibt zudem planende und vorausschauende Versammlungen, Küchen, ein zentrales Spendensammel-Lager, Übersetzer*innen, Fahrdienste, Demonstrationen, Begleitung der Reisenden auf den Fähren, Konzerte, Empfang und Versorgung am Bahnhof ebenso wie am Fährterminal, Stullenschmieraktionen, Bustransporte, therapeutische Unterstützung für Helfende und und und ... 

Innerhalb kürzester Zeit hatte die Gruppe allein auf Facebook fast 10.000 (in Worten: Zehntausend!) Abonnenten.

Wer helfen und/oder spenden möchte, kann anrufen oder sich eintragen in Schichtpläne im Netz. Wenn es Lücken gibt, unbesetzte Schichten, plötzliche Notwendigkeiten à la „... wir haben genug Kuscheltiere, brauchen aber jetzt dringend Herrenschuhe und Rasierzeug …“ wird das flott und effektiv übers Internet verbreitet.

Irgendwie war es eher Zufall, dass ich dieses Netzwerk fast vom ersten Tag seines Bestehens an in meiner Timeline hatte. Zunächst habe ich Dinge gespendet – und weil ich kein Auto mehr habe, wurden meine großen, mit Decken, Kissen, warmen Jacken, Bettzeug, Medikamenten, Schokolade etc. prall gefüllten Rucksacktaschen flugs von netten jungen Menschen bei mir abgeholt. Innerhalb von nicht mal zwei Stunden. Zack und weg und weiter!

Dann entstand eine Notunterkunft ganz in meiner Nähe. "Wer Zeit hat und helfen möchte, bitte einfach vorbeikommen," hieß es. Ich hatte Zeit und wollte helfen und ging einfach vorbei. Das war Mitte September. Seitdem helfe ich einmal in der Woche, einen halben bis dreiviertel Tag lang: Aufräumen, Kleider sortieren, viel mit den Menschen reden. Ängste nehmen. Das ist nicht viel. Andere machen viel viel mehr. Aber das ist, was ich derzeit und mit längerfristiger Perspektive regelmäßig spenden kann: Meine Zeit, meine Empathie, meine Sprachkenntnisse, meine Erfahrung und Kompetenz im Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

Was anderen hilft, tut auch mir gut.

Zum einen tut es gut, zu sehen, wie viele Menschen voller Hilfsbereitschaft sich in dieser Situation kompetent und engagiert einsetzen und geben, was sie können. Ich erweitere meine eigenen Netzwerke hier in meiner neuen Stadt.

Außerdem befriedigt es meine Neugier und besänftigt diffuse Ängste: Ich wollte und will wissen, wer da zu uns kommt – und ich lerne: 

Da kommt keine Flüchtlingskrise, 
sondern da kommen Menschen. 

Ganz wunderbare Menschen, die viel Schlimmes erlebt haben. Einzelne. Es sind viele auf einmal. Aber so ist das Leben. Es bleibt eine Herausforderung. Immer. Für die, die da kommen genauso wie für uns, die wir schon da sind.

Die angebotenen Hilfen reichen oft nicht aus. Logistisch. Menschlich. Finanziell. Wenn die Reisenden trotz zahlreicher Spenden zum Beispiel keine passenden Schuhe finden und barfuß in Badelatschen auf die Fähre nach Schweden müssen. Wenn es für das Wenige, das sie noch besitzen, noch nicht einmal mehr eine Reisetasche gibt und sie ihre kleine Habe in eine Plastiktüte packen müssen. Wenn es nicht genug Schlafplätze gibt, wenn sie in riesigen Turnhallen dicht an dicht ohne jegliche Privatsphäre übernachten müssen. Wenn es keinen Bus gibt vom Bahnhof zur Fähre oder vom Bahnhof zur Notunterkunft, wenn es dann heißt: Stundenlang warten in der Kälte. Wenn trotz Schichtplänen einfach nicht genug Menschen da sind zum Helfen und manche nach 36 Stunden non-stop-Hilfsdienst selbst zu Hilfesuchenden werden …

Niemand hat DIE Patentlösung. Aber ich spüre in dieser Stadt etwas sehr Wohltuendes: Ganz ganz viele Menschen sind daran interessiert, gute Lösungen zu finden – offiziell und inoffiziell; mit bester Kraft dazu beizutragen und mitzuwirken, dass es für die Newcomers, die Neuankömmlinge hier möglichst gut wird – und sie lassen sich weder behindern noch bremsen von restriktiven Politikern oder einem giftigen Gegenwind von rechts außen.

Das beeindruckt mich sehr.