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Januar 2021

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Freitag, 25. August 2017

Es war einmal ein Minijob

Prekär wie das Leben heutzutage so ist, freut sich unsereins kreative Hochbegabte über jede Stellenausschreibung, die über die Minimalqualifikation Putzfrau oder Regalauffüllerin hinausgeht.

Auch wenn der Mindestlohn derselbe bleibt – man ist doch dankbar, wenn man auch den gut ausgebildeten Kopf ein bisschen benutzen darf und wenn es bei der Arbeit nicht allzu unangenehm ist. Was mich betrifft, sollte es nicht stinken oder sonstewie eklig sein. Es darf – wegen der Reizfilterstörung – auch nicht zu laut oder zu turbulent sein.

Mit dem Fahrrad zur Arbeit*

Einen solchen Job hatte ich das Glück, kurz nach meinem Neustart in Rostock zu finden. Einen Tag nur, nachdem die Jobcenterbratze mich begrüßt hatte mit den Worten „Wenn Sie nicht stressresistent sind, dann gibt es in dieser Gesellschaft keinen Platz für Sie. Dann müssen Sie in eine Behindertenwerkstatt!“

Montag, 13. Februar 2017

Bewerbung mit Online Assessment

Neuerdings bin ich ja mal wieder mit Stellensuche beschäftigt.

Die gestaltet sich bei mir – trotz bester Qualifikation mit Studium, abgeschlossener Ausbildung, vielseitigen Kompetenzen und jahrzehntelanger Berufserfahrung im In- und Ausland – nicht ganz einfach. Es scheint nichts so recht zu passen. Oder: Ich scheine nirgends hinzupassen mit meinen diffusen Über-, Unter- und Querqualifikationen. Dass ich auch noch hochbegabt bin, erwähne ich schon gleich gar nicht mehr.

Porzellanrosa Hoffnungsschimmer: Eistulpen

Es gibt wenig Stellen für eine wie mich. Noch weniger Stellen gibt es, wenn eine wie ich (aus gesundheitlichen Gründen) nur Teilzeit arbeiten kann.

Qualifizierte Stellen für kreative Köpfe mit empfindsamen Seelen sind dünn gesät, nicht nur hier oben im Nordosten der Republik. Aber hier noch seltener.

Der medial herbei beschworene ‚Fachkräftemangel‘ beschränkt sich auf schlecht bezahlte Positionen in Callcentern, Reinigungsfirmen, Gastronomie, Hotellerie, Pflegekräfte. Entsetzlich viele Zeitarbeitsangebote.

Das Prädikat „angemessene Vergütung“ ist meist gleichbedeutend mit „Mindestlohn“. Also 8,84 Euro die Stunde seit dem 01.01.2017; der Mindestlohn – ursprünglich gedacht für unqualifizierte Aushilfen, Praktikanten etc. – ist zum Einheitslohn geworden. Zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Der holt dich nicht mal aus Hartz IV, verdammt dich zum ewigen Aufstocken mit ALG2. Politisch so gewollt. Wer Hunger hat, macht keinen Aufstand.

Teilzeit ist quasi gleichbedeutend mit ‚unqualifizierter Niedriglohnsektor‘. Gerade so, als ob eine auf halber Stelle plötzlich nicht mehr denken und keine Verantwortung übernehmen könnte. Als Frau sowieso nicht. Sobald eine Arbeit von Frauen erledigt werden kann, ist sie in diesem Land offensichtlich nur noch die Hälfte wert. Beim Gender Pay Gap liegt Deutschland ganz weit vorne. Beim Mindestlohn ganz weit hinten. Auch das ist politisch so gewollt.


Bei meiner vorletzten Bewerbung waren immerhin 15 Euro Stundenlohn in Aussicht gestellt. Lächerlich wenig, für die Gegend hier allerdings schon gehoben. "Was mit Touristen" im Seebad Warnemünde, halbe Stelle, flexible Arbeitszeiten. Wobei ‚flexibel‘ natürlich bedeutet, dass ich als Arbeitnehmerin mich flexibel nach den Bedürfnissen des Arbeitgebers zu richten habe. Nicht etwa ungekehrt! Also  in der Sommersaison bei schönstem Badewetter auch mal flexibel 40 Wochenstunden oder mehr; im Winter, wenn draußen sowieso nasskalt-deutschgraues Rheumawetter  ist und man die Freizeit nicht genießen kann, flexibel fast gar nicht.

Klang trotzdem ganz passabel. Man muss ja nehmen, was man kriegen kann. Sagt zumindest das Arbeitsamt.

Mit meiner Online-Bewerbung gelangte ich in die erste Runde: Telefonisches Vorstellungsgespräch mit der Mutterfirma im Rhein-Main-Gebiet. Ich durfte ad hoc Kopfrechnen. Fernmündlich, zack! Alles richtig, bestanden.

Als nächste Runde wurde mir ein persönliches Gespräch in Aussicht gestellt mit den Verantwortlichen vor Ort. Statt dessen erhielt ich aber zunächst per E-Mail die Einladung zu einem Online-Assessment, also einem Persönlichkeitstest. Quasi wie der Brigitte-Psychotest – aber nicht gemütlich privat und geheim auf meinem Sofa, sondern auf einem Industrie-Server für immer gespeichert und via Datenautobahn für viele erreichbar.

Erst auf Nachfrage erfuhr ich: Man wolle meine Zuverlässigkeit, Stressresistenz und Kundenorientierung testen. Zugriff auf die Ergebnisse sollten "nur" die HR-Abteilung erhalten, meine persönlichen Vorgesetzten und der Betriebsrat. Aha. Ich nicht. Oha.

„Antworten Sie einfach mit Ja oder Nein, es gibt keine falschen Antworten, das Ganze dauert nur fünf Minuten.“

Wenn es denn sein muss, dachte ich, und klickte mich in das Procedere. Erst einmal wurde von mir verlangt, ein komplettes, ausführliches Profil anzulegen. Mit durchaus sehr persönlichen Angaben. Ich wollte nicht, dass meine potentiellen zukünftigen Arbeitgeber so viele Daten über mich sammeln. Auch die Testfirma ging das alles nichts an. Wieso konnte ich den Test nicht anonymisiert durchlaufen mit persönlicher Teilnehmernummer? Was wollten die mit Alter, Geburtsort und Schuhgröße?

Ohne diese Angaben ging der Test aber gar nicht erst los. Also zähneknirschend klein beigegeben. Schließlich hatte ich doch irgendwie zu diesem Zeitpunkt ein noch zumindest vages Interesse an der Stelle. Es waren bereits gute zehn Minuten vergangen.

Dann sah ich mich mit mehr als 70 (in Worten: Siebenzig!) Aussagen konfrontiert, und bei jeder sollte ich – natürlich ohne langes Nachdenken – angeben, ob der jeweilige Satz für mich zutrifft oder nicht. Gleich die erste Frage ließ mich stutzen:

„Manchmal wäre ich gerne jemand anderes.“ Trifft zu oder trifft nicht zu? Ahoi! Die Antwort würde ich eventuell mit meiner Therapeutin besprechen, aber doch nicht mit einem Arbeitgeber!

Es ging weiter mit ähnlich kompromittierenden Sätzen über meine mentale Verfassung:

No. 7 „Ich vertraue Menschen nur, wenn ich sie gut kenne.“ Wie durchschaubar ...

No. 12 „Ich rege mich über Probleme mehr auf als meine Freunde.“ … und manipulierbar!

Bei No. 20 „Ich achte selten auf mein Äusseres.“ fühlte mich in meiner Intelligenz beleidigt, kämpfte mich aber noch ein Stückchen weiter bis zur

No. 26 „Viele der Dinge, die ich mache, sollte ich eigentlich nicht tun.“

Da wollte ich natürlich „Trifft nicht zu.“ ankreuzen. Um das reinen Herzens tun zu können, brach ich den Test an dieser Stelle ab - er gehörte eindeutig zu den "Dingen, die ich eigentlich nicht tun" sollte. Nicht nur, weil schon mehr als eine halbe Stunde vergangen war und ich es für ein absolutes K.-o.-Kriterium halte, wenn andere mit meiner Zeit verschwenderisch umgehen.

Vor allem aber beendete ich den Test an dieser Stelle, weil niemand zur Antwort auf solche höchst persönlichen Fragen gezwungen werden sollte. Nicht von einer nahestehenden Person und erst recht nicht von einem potentiellen Arbeitgeber. Was geht die Bank das an, was ich in meinem Innersten denke, ob ich mich mal mit einem Lehrer gezofft habe oder ob mich manchmal Selbstzweifel plagen?

Nichts. Rein gar nichts. Ich klickte „Alles auf Anfang“ und beendete das hochnotpeinliche Internetverhör ohne weitere Erklärungen. Ein paar Wochen später erhielt ich auf meine Bewerbung die übliche Absage „bla³ … trotz vielseitiger Qualifikationen … bla³“. Ich war sehr erleichtert. Für einen Arbeitgeber, der mich durch solch einen geradezu faschistoiden Optimierungstest schickt, kann und will ich nicht arbeiten.

Ein Freund von mir sah das lockerer: „Da darfst du lügen. Das ist wie wenn du im Bewerbungsgespräch gefragt wirst, ob du schwanger bist.“ Ich wollte aber nicht lügen müssen. Das sehe ich nicht als eine Grundlage für eine gute Zusammenarbeit in einer Vertrauensposition, in der täglich sehr viel Geld durch meine Hände geflossen (aber nicht daran hängen geblieben) wäre.

In dem Kassenhäuschen direkt neben der stinkigen Fischräucherpommesbude hätte ich mich ohnehin zu Tode gelangweilt. Inhaltlich. Energetisch wäre ich vermutlich total überfordert gewesen, mit unzähligen Kreuzfahrt- und anderen TouristInnen täglich.


Wer sich für den kompletten Einstellungstest interessiert, hier habe ich alle Fragen zum Download bereitgestellt. Die Auswertung überlasse ich eurer einfühlsamen Phantasie. Der Test ist gedacht „für die Optimierung der Auswahl folgender MitarbeiterInnen: Aushilfen, MitarbeiterInnen für Nebenjobs, Zeitarbeit, Personal für Gewerbe, Handwerk und Gastronomie, Auszubildende“ und kostet im Internet inklusive Auswertung pro BewerberIn rund 30 Euro.

Montag, 31. Oktober 2016

Die Teilzeitstelle

- oder: Fachkraft in McPomm -

Heute läuft mein Arbeitsvertrag aus. Ab morgen bin ich wieder vollzeit-erwerbslos.

Seit Anfang August hatte ich diesen Arbeitsplatz in einem kleinen Kunst&Schmuck-Museum im Seebad, zwanzig Stunden Teilzeit an drei bis vier Arbeitstagen die Woche inklusive Wochenenddiensten. Für die Touristen.

Herbstsonne im Seebad
Drei Monate war ich dort, der Vertrag war befristet. Ich war vielsprachige, kompetente und immerfreundliche Verkäuferin, Galeristin, Museumswärterin, Information, Besucherführung, Sicherheitsbeauftragte – alles in Personalunion, immer allein anwesend und für alles verantwortlich. Diese kollegInnenfreie Einsamkeit war für mich schwer auszuhalten.

Bei Vertragsabschluss hatte es die Inaussichtstellung einer Verlängerung gegeben (man wollte mich ködern). Müsse aber erst einmal abwarten, wie das Geschäft so läuft. Ich stimmte den nicht gerade arbeitnehmerfreundlichen Konditionen zu. Vorerst. 

Die Verlängerung ergab sich nicht. Zu wenig Umsatz. Da rechnet sich das Personal nicht. Über den Winter bis mindestens Ende März bin ich freigestellt. Ob ich dann wieder dabei sein soll oder will, ist fraglich.

Also darf vorerst das Jobcenter wieder in vollem Umfang für mich sorgen. Das finde ich zum Kotzen. Aber ich finde hier einfach nix! Nicht, dass diese halbe Stelle mich zumindest kurzzeitig ganz vom Jobcenter befreit hätte, ich musste sowieso ‚aufstocken‘.

Das Gehalt lag knapp über dem Mindestlohn (Mindestlohn aktuell 8,50 €/h, ab 01.01.2017 8,84 €/h). Das bedeutet: Im Jahr 2016 erhalte ich für die Arbeitsstunde einen Bruchteil dessen, was ich vor gut dreißig Jahren, Mitte der 1980er Jahre, als Studentin verdient habe.

Der Mindestlohn wurde 2015 eingeführt für Praktikanten und ungelernte Kräfte oder Tätigkeiten, die keine besonderen Kenntnisse und Ausbildungen erfordern. Dachte ich. Hier und heute in Deuschland (sicher nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern) aber heißt Mindestlohn „Einheitslohn“. Quasi für alle. Egal, ob mit oder ohne Ausbildung, ob Studium oder keines.

Wenn das Gehalt zum Leben nicht reicht, kann man ja ergänzendes Arbeitslosengeld II beantragen. Muss sich dann dafür vom Jobcenter schikanieren lassen, wird dort wie ein Mensch letzter Klasse behandelt. Würdelos. Demütigend.

Warum müssen eigentlich nicht die Arbeitgeber den Zuschuss beantragen, wenn sie so schlecht wirtschaften (bzw. dermaßen viel Gewinn abschöpfen), dass sie ihre Angestellten nicht angemessen entlohnen können?!

„Früher war alles besser!“ – diesen Spruch kann ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen. Aber die Zustände auf dem Arbeitsmarkt machen mich wirklich fassungslos.

Von meinen Teilzeitstellen habe ich früher locker leben können. Bin nicht reich geworden, aber für mich alleine – also eine kleine Wohnung, ein kleines Auto, Katzenfutter, mal auswärts essen gehen oder ins Kino, mindestens eine Urlaubsreise jedes Jahr – hat es immer gereicht.

Heutzutage muss ich froh sein, wenn ich für meine Arbeit überhaupt Geld bekomme. Am liebsten hätten mich alle im Ehrenamt und zwar so, dass ich noch draufzahle, dass ich Fahrtkosten und Büroausstattung noch selbst trage. Dann loben alle mein Können und meine Erfahrungen, meine Kenntnisse und Kompetenzen, meine Expertise und die weltgewandten Umgangsformen.

Aber wehe, ich will Geld sehen für meine Arbeit!

Dann wird man abschätzend angesehen wie ein giftgrünes Wesen aus einer feindlichen Galaxie. Geradezu so, als ob es unanständig sei, wenn man darauf angewiesen ist, mit eigener Arbeit sein Geld verdienen zu müssen.

Sobald ich darauf hinweise, dass es nicht kostenlos geht und dass ich erst recht nicht draufzahlen möchte, meldet man sich einfach nicht mehr bei mir. Auch das ist – mit Verlaub – zum Kotzen.

Also muss ich froh sein, wenn ich überhaupt einen Lohn erhalte. Obwohl ich eine Frau und schon über fünfzig bin! Zu höchst unterwürfiger Dankbarkeit aber scheine ich verpflichtet, sobald man mir  ein paar Cent mehr gibt als den Mindestlohn.

Dafür habe ich studiert, war lange im Ausland, spreche fünf Sprachen, bin vielseitig ausgebildet und zertifiziert und in meinen Fähigkeiten breit aufgestellt.

Um überhaupt eine Arbeit zu haben, unterschrieb ich den Vertrag im Kunst&Schmuck-Museum. Immerhin lag mein Arbeitsplatz bei schönem Wetter in Fahrradentfernung und nicht weit weg vom Meer. Ich hatte also ein klitzebisschen Wellness im Arbeitsalltag. Und: es hätte ja auch der Beginn von etwas Längerfristigem werden können.

Wurde es aber nicht. Ehrlich gesagt, bin ich da nicht traurig drum. Der Arbeitgeber hat nämlich nicht nur an meinem Gehalt gespart, sondern auch an der Ausstattung.

Den ganzen Tag sitzen? Da brauchen Sie keinen bequemen rückenschonenden Stuhl, da reicht auch ein hölzerner Hocker.

Ein Handtuch auf der Toilette? Sie können sich ja Küchentissue mitbringen.

Ein fürs geneigte Publikum nicht zugänglicher Platz für meine persönlichen Dinge? Ach legen Sie Ihre Tasche doch einfach hinten in irgendeine Ecke auf den Boden.

Einen Haken für die Jacke? Die kann ja zusammengeknüllt oben auf die Tasche …

Eine Kaffeemaschine? Wozu – die Bäckerei ist gegenüber!

Nach einem Kühlschrank habe ich gar nicht erst gefragt, geschweige denn einem Pausenraum, einer Mikrowelle … nicht mal ein bisschen Geschirr und Besteck waren vorhanden. Irgendwann habe ich sogar eigenes Toilettenpapier mitgebracht.

Ein Telefon für die täglichen Rücksprachen mit dem Chef, für Kundengespräche und die allgemeine Erreichbarkeit? Da können Sie doch Ihr Handy nehmen!

Einen Ventilator für die heißen Sommertage im August und September, wenn die Sonne den ganzen Tag die Ladenfront bescheint und man schwitzend im aufgeheizten Schaufenster sitzt? Ich habe nicht einmal gewagt, das anzusprechen.

Ab Oktober bei Außentemperaturen unter 10 °C die Heizung aufdrehen? Kommt gar nicht in Frage! Machen Sie die Türe zu, dann müssen Sie nicht frieren. Es sind genug Lampen an.

Also saß ich ein Vierteljahr lang auf hartem Hocker, im Sommer geblendet und den kalten Oktober über in ungeheizten Räumen. Mit Wollpullover, Strickjacke und Daunenweste. Jede Tasse Kaffee 2,50 €. Vom Mindestlohn blieb nicht viel übrig. Mein Konto ist in diesen Monaten im Dispokredit versunken.

Nun bin ich erst einmal wieder zu Hause und versuche, den Weg zurück in meine Mitte und einen besseren Arbeitsplatz zu finden.

Man soll ja nicht fünf Minuten vor der Morgendämmerung die Hoffnung aufgeben, dass die Nacht mal irgendwann ein Ende hat.