Mittwoch, 30. September 2015

Neue Aussicht

Wenn eine nicht nur umzieht, sondern mehr als 1000 km fernab der Gegend, die sie gerne 'Heimat' genannt hätte, ganz allein auf sich gestellt ein neues Leben beginnt – ohne Familie, ohne Freunde, ohne Arbeit – dann ist zumindest eines wichtig:

Eine Wohnung, die sicher ist. Die Bedeutung von 'sicher' hat mehrere Facetten.

Zuallerst muss die Wohnung sicher sein in finanzieller Hinsicht. Nicht nur die Miete, auch Heizung, Nebenkosten, Strom und Telefon wollen Monat für Monat bezahlt sein.

Sonnenblumenhaus in herbstlicher Morgensonne

Nach meinen schlimmen Erfahrungen im Südwesten bedeutet 'sicher' für mich auch, dass es niemanden mehr gibt, der mich durch fortgesetztes Mobbing aus der Wohnung rausekeln will, weil ihm plötzlich meine Nase nicht mehr passt. Und auch das Amt sollte keine Gründe mehr haben, mich erneut und über Jahre quälend aus meiner neuen Wohnung raus und in die drohende Obdachlosigkeit zu schikanieren.

Das Thema 'Vermieter' hat sich für mich so sehr erledigt, dass es in diesem neuen Blog erst gar nicht mehr im Titel auftaucht. Ein großes Glück! Meine Wohnung gehört zu einer Genossenschaft, in der ich selbst Mitglied bin. Ich bin hier also ein klitzebisschen gefühlte Miteignerin.

Die Genossenschaft war freundlich genug, mich als Nutzerin zu akzeptieren, obwohl mein eigenes Einkommen derzeit nicht ausreicht und ich ergänzendes Arbeitslosengeld beziehe. Hier im Nordosten wurden die Wohnungen vor gar nicht langer Zeit noch angeboten mit der Überschrift „für Hartz-IV-Empfänger geeignet“.

Eine solche Offenheit wäre im reichen Freiburg unvorstellbar. Ganz im Gegenteil! Einer der Gründe für meinen nicht ganz freiwilligen Umzug vom Südwesten in den Nordosten der Republik war unter anderem, dass es mir trotz jahrelanger Suche nie gelungen ist, eine passende Wohnung zu finden, deren Miete notfalls vom Jobcenter übernommen worden wäre.

Dieser permanente Druck, täglich aufs Neue nach etwas suchen zu müssen, das es einfach nicht gab, diese kafkaeske Situation war entsetzlich schwer auszuhalten und hat mich immer wieder krank gemacht.

In diesen beiden Punkten bin ich in der neuen Wohnung also nun 'sicher'. Nach all den traumatisierenden Jahren des 'Nichtgewolltseins', des 'Vertriebenwerdens' muss ich mich an diesen – für andere Menschen völlig normalen – Zustand erst wieder gewöhnen.

Neulich mal, als ich gerade mit dem Müll in der Hand die Wohnungstüre öffnete, hörte ich weiter unten im Treppenhaus andere Menschen. Reflexartig machte ich die Türe sofort wieder zu. Das Herz schlug mir bis zum Hals, so sehr hatte ich Angst und Panik. Den Vermietern, diesen widerlichen Spießern mit ihren permanenten Beleidigungen, wollte ich auf keinen Fall begegnen müssen!

Erst allmählich wurde mir klar, dass es ja gar keine Vermieter mehr gibt im Haus. Wie alle anderen auch habe ich hier das Recht, unbehelligt im Treppenhaus auf und ab zu gehen. Völlig egal, ob ich dabei den Müll in der Hand halte oder ungeschminkt bin. Es gibt niemanden mehr, der oder die mir Böses will.

Also holte ich tief Luft, startete einen neuen Versuch und brachte meinen Müll in den Container. Das Herzklopfen aber blieb und verschwindet nur allmählich. Ich fürchte, dass diese Angst, überhaupt auch nur die Wohnung zu verlassen, mich noch eine Weile begleiten wird.

Der Müllcontainer ist hier übrigens riesengroß, niemals überfüllt und wird zweimal die Woche geleert. Krasser Gegensatz zu meinem 35-l-Mülltönnchen mit 14-tägiger Abholung im Winzerdorf!

Ausreichend große Container und funktionierende Abfuhr sind wichtig, damit man im Alltag jederzeit Altes, Belastendes oder nicht mehr Notwendiges loslassen kann.

Dieser Aspekt gehört zur dritten Facette von Sicherheit, die die neue Wohnung mir bietet:

Die Sicherheit, mich hier kontinuierlich wohlzufühlen, wirklich ankommen zu wollen und zu können. Das ist mit meiner Reizfilterstörung nicht einfach. Diese hochsensible Wahrnehmungsfähigkeit all meiner Sinne kann ich nicht abstellen. Mir ist schnell alles Mögliche zu viel, zu nervig, zu laut, zu hell, zu eng, zu irgendwas. Eine Wohnsituation, die für jemand anderen einfach nur schön und ideal wäre, bedeutet für mich eine Gratwanderung zwischen den Polen 'meistens akzeptabel' und 'überwiegend unerträglich'.

So auch hier. Die neue Wohnung ist hell, im Haus ist es relativ ruhig. Die nächsten Häuser sind weit genug weg, niemand kann mir direkt in die Fenster gucken. Meine Aussicht geht wieder nach Westen, ich kann jeden Tag mit einem Sonnenuntergang beenden.

Nur mit dem Unterschied, dass ich am Horizont nicht mehr die sanft geschwungene Linie der Weinberghügel sehe. Statt dessen versinkt die Sonne hinter der schnurgeraden Kante anderer Plattenbauten. Einer davon ist das Sonnenblumenhaus, das bei den ausländerfeindlichen Ausschreitungen im August 1992 traurige Berühmtheit erlangte.

Aber das ist lange her, und es gibt nun wirklich optisch Schlimmeres, als eine Neubau-Skyline in mehr als 200 Meter Entfernung hinter einem breiten Grünstreifen, in dem sich sogar alte Obstbäume befinden.

Kommentare :

  1. Das alles sind ja gute Neuigkeiten. So wie es für mich aussieht, lebst Du jetzt gaaaaanz nah bei Warnemünde. Das lässt mich tatsächlich ein bisschen neidig werden, denn Warnemünde ist einer meiner absoluten Lieblingsorte. Ich schaue immer, dass ich ab und an dorthin kommen kann. Vor zwei Jahre das letzte Mal ...
    Ich drücke Dir die Daumen, dass sich Dir alles Weitere auch so günstig zeigen möge ...
    speybridge

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Moin speybridge,
      danke schön!
      So sieht das aus, und so ist das auch ... Fahrradentfernung zum Strand, und ich genieße das so oft es geht :-)

      Löschen
  2. Schlimme Sachen, die dir begegnet sind. Umso erstaunlicher und konsequent finde ich deinen Umzug. Eine Blogfreundin würde sehr gerne umziehen, weg vom "Heimatlichen", ich werde ihr deinen Blog empfehlen, vielleicht gewinnt sie Mut.
    HerzlicheGrüße
    ganga

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe ganga,
      vielen Dank für deine Aufmerksamkeit :-)
      Mein Mut hat mir sicher sehr geholfen, den Wechsel zu wagen. Auch meine NEUgier hat mich dabei unterstützt.
      Das Wichtigste aber war wohl, dass ich nicht einfach nur weg wollte, sondern zumindest eine ungefähre Ahnung hatte von dem Ort, wo ich hinwollte.
      Alles Gute dir!

      Löschen
  3. Jetzt habe ich es endlich geschafft, deinen neuen Blog zu besuchen. Sehr schön, dass du dich entschlossen hast weiterzubloggen!
    Dass du aus diesem südwestdeutschen Kaff weggezogen bist, ist das Beste, was du hast machen können. Es ist eh erstaunlich, wie lange du da durchgehalten hast!
    ;-)
    LG
    Sabiene

    AntwortenLöschen

Eigene Meinung? Fragen? Lob? Kritik? Trost? Aufträge? Unterstützung? Impulse & Gedanken?
Immer her damit!