Montag, 31. Oktober 2016

Die Teilzeitstelle

- oder: Fachkraft in McPomm -

Heute läuft mein Arbeitsvertrag aus. Ab morgen bin ich wieder vollzeit-erwerbslos.

Seit Anfang August hatte ich diesen Arbeitsplatz in einem kleinen Kunst&Schmuck-Museum im Seebad, zwanzig Stunden Teilzeit an drei bis vier Arbeitstagen die Woche inklusive Wochenenddiensten. Für die Touristen.

Herbstsonne im Seebad
Drei Monate war ich dort, der Vertrag war befristet. Ich war vielsprachige, kompetente und immerfreundliche Verkäuferin, Galeristin, Museumswärterin, Information, Besucherführung, Sicherheitsbeauftragte – alles in Personalunion, immer allein anwesend und für alles verantwortlich. Diese kollegInnenfreie Einsamkeit war für mich schwer auszuhalten.

Bei Vertragsabschluss hatte es die Inaussichtstellung einer Verlängerung gegeben (man wollte mich ködern). Müsse aber erst einmal abwarten, wie das Geschäft so läuft. Ich stimmte den nicht gerade arbeitnehmerfreundlichen Konditionen zu. Vorerst. 

Die Verlängerung ergab sich nicht. Zu wenig Umsatz. Da rechnet sich das Personal nicht. Über den Winter bis mindestens Ende März bin ich freigestellt. Ob ich dann wieder dabei sein soll oder will, ist fraglich.

Also darf vorerst das Jobcenter wieder in vollem Umfang für mich sorgen. Das finde ich zum Kotzen. Aber ich finde hier einfach nix! Nicht, dass diese halbe Stelle mich zumindest kurzzeitig ganz vom Jobcenter befreit hätte, ich musste sowieso ‚aufstocken‘.

Das Gehalt lag knapp über dem Mindestlohn (Mindestlohn aktuell 8,50 €/h, ab 01.01.2017 8,84 €/h). Das bedeutet: Im Jahr 2016 erhalte ich für die Arbeitsstunde einen Bruchteil dessen, was ich vor gut dreißig Jahren, Mitte der 1980er Jahre, als Studentin verdient habe.

Der Mindestlohn wurde 2015 eingeführt für Praktikanten und ungelernte Kräfte oder Tätigkeiten, die keine besonderen Kenntnisse und Ausbildungen erfordern. Dachte ich. Hier und heute in Deuschland (sicher nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern) aber heißt Mindestlohn „Einheitslohn“. Quasi für alle. Egal, ob mit oder ohne Ausbildung, ob Studium oder keines.

Wenn das Gehalt zum Leben nicht reicht, kann man ja ergänzendes Arbeitslosengeld II beantragen. Muss sich dann dafür vom Jobcenter schikanieren lassen, wird dort wie ein Mensch letzter Klasse behandelt. Würdelos. Demütigend.

Warum müssen eigentlich nicht die Arbeitgeber den Zuschuss beantragen, wenn sie so schlecht wirtschaften (bzw. dermaßen viel Gewinn abschöpfen), dass sie ihre Angestellten nicht angemessen entlohnen können?!

„Früher war alles besser!“ – diesen Spruch kann ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen. Aber die Zustände auf dem Arbeitsmarkt machen mich wirklich fassungslos.

Von meinen Teilzeitstellen habe ich früher locker leben können. Bin nicht reich geworden, aber für mich alleine – also eine kleine Wohnung, ein kleines Auto, Katzenfutter, mal auswärts essen gehen oder ins Kino, mindestens eine Urlaubsreise jedes Jahr – hat es immer gereicht.

Heutzutage muss ich froh sein, wenn ich für meine Arbeit überhaupt Geld bekomme. Am liebsten hätten mich alle im Ehrenamt und zwar so, dass ich noch draufzahle, dass ich Fahrtkosten und Büroausstattung noch selbst trage. Dann loben alle mein Können und meine Erfahrungen, meine Kenntnisse und Kompetenzen, meine Expertise und die weltgewandten Umgangsformen.

Aber wehe, ich will Geld sehen für meine Arbeit!

Dann wird man abschätzend angesehen wie ein giftgrünes Wesen aus einer feindlichen Galaxie. Geradezu so, als ob es unanständig sei, wenn man darauf angewiesen ist, mit eigener Arbeit sein Geld verdienen zu müssen.

Sobald ich darauf hinweise, dass es nicht kostenlos geht und dass ich erst recht nicht draufzahlen möchte, meldet man sich einfach nicht mehr bei mir. Auch das ist – mit Verlaub – zum Kotzen.

Also muss ich froh sein, wenn ich überhaupt einen Lohn erhalte. Obwohl ich eine Frau und schon über fünfzig bin! Zu höchst unterwürfiger Dankbarkeit aber scheine ich verpflichtet, sobald man mir  ein paar Cent mehr gibt als den Mindestlohn.

Dafür habe ich studiert, war lange im Ausland, spreche fünf Sprachen, bin vielseitig ausgebildet und zertifiziert und in meinen Fähigkeiten breit aufgestellt.

Um überhaupt eine Arbeit zu haben, unterschrieb ich den Vertrag im Kunst&Schmuck-Museum. Immerhin lag mein Arbeitsplatz bei schönem Wetter in Fahrradentfernung und nicht weit weg vom Meer. Ich hatte also ein klitzebisschen Wellness im Arbeitsalltag. Und: es hätte ja auch der Beginn von etwas Längerfristigem werden können.

Wurde es aber nicht. Ehrlich gesagt, bin ich da nicht traurig drum. Der Arbeitgeber hat nämlich nicht nur an meinem Gehalt gespart, sondern auch an der Ausstattung.

Den ganzen Tag sitzen? Da brauchen Sie keinen bequemen rückenschonenden Stuhl, da reicht auch ein hölzerner Hocker.

Ein Handtuch auf der Toilette? Sie können sich ja Küchentissue mitbringen.

Ein fürs geneigte Publikum nicht zugänglicher Platz für meine persönlichen Dinge? Ach legen Sie Ihre Tasche doch einfach hinten in irgendeine Ecke auf den Boden.

Einen Haken für die Jacke? Die kann ja zusammengeknüllt oben auf die Tasche …

Eine Kaffeemaschine? Wozu – die Bäckerei ist gegenüber!

Nach einem Kühlschrank habe ich gar nicht erst gefragt, geschweige denn einem Pausenraum, einer Mikrowelle … nicht mal ein bisschen Geschirr und Besteck waren vorhanden. Irgendwann habe ich sogar eigenes Toilettenpapier mitgebracht.

Ein Telefon für die täglichen Rücksprachen mit dem Chef, für Kundengespräche und die allgemeine Erreichbarkeit? Da können Sie doch Ihr Handy nehmen!

Einen Ventilator für die heißen Sommertage im August und September, wenn die Sonne den ganzen Tag die Ladenfront bescheint und man schwitzend im aufgeheizten Schaufenster sitzt? Ich habe nicht einmal gewagt, das anzusprechen.

Ab Oktober bei Außentemperaturen unter 10 °C die Heizung aufdrehen? Kommt gar nicht in Frage! Machen Sie die Türe zu, dann müssen Sie nicht frieren. Es sind genug Lampen an.

Also saß ich ein Vierteljahr lang auf hartem Hocker, im Sommer geblendet und den kalten Oktober über in ungeheizten Räumen. Mit Wollpullover, Strickjacke und Daunenweste. Jede Tasse Kaffee 2,50 €. Vom Mindestlohn blieb nicht viel übrig. Mein Konto ist in diesen Monaten im Dispokredit versunken.

Nun bin ich erst einmal wieder zu Hause und versuche, den Weg zurück in meine Mitte und einen besseren Arbeitsplatz zu finden.

Man soll ja nicht fünf Minuten vor der Morgendämmerung die Hoffnung aufgeben, dass die Nacht mal irgendwann ein Ende hat.

Kommentare :

  1. Oh Scheiße. Das verstehe ich, wenn du jetzt Zeit brauchst um zu dir zu kommen.
    Alles Gute und liebe Grüße
    Ganga

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    1. Liebe Ganga,

      ja, danke.

      Eine Reise zum Beispiel wäre für mich jetzt gut, um einmal die Perspektive zu wechseln und mein Leben mit etwas räumlichem Abstand von außen zu betrachten.
      Leider gibt mein Budget das nicht her.

      Liebe Grüße & auch dir alles Gute!
      mo jour

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  2. "... Der Mindestlohn wurde 2015 eingeführt für Praktikanten und ungelernte Kräfte oder Tätigkeiten, die keine besonderen Kenntnisse und Ausbildungen erfordern. Dachte ich. Hier und heute in Deuschland (sicher nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern) aber heißt Mindestlohn „Einheitslohn“. Quasi für alle. Egal, ob mit oder ohne Ausbildung, ob Studium oder keines."

    Das spricht mir so, wie auch der ganze Artikel, aus der Seele. Und auch ich könnte ko*zen wenn ich sehe, dass man für Arbeit kein angemessenes Geld mehr bekommt bzw. dankbar sein soll wenn man überhaupt die möglichkeit bekommt "erstmal eine Woche unentgeltlich probearbeiten" zu dürfen. Von einer Teilzeitstelle leben? Man kann sich schon glücklich schätzen wenn man mit einer Ganztagsstelle über die Runden kommt.

    Da ist etwas gehörig faul im Staate, nein, nicht im Staate Dänemark. Sondern hier, in unserem ach so sozialen Deutschland.
    Ich könnte mich jetzt in Rage schreiben, aber das will ich nicht, dazu ist der Morgen zu schön.
    Lass auch du dir den Tag nicht verderben
    LG Bärbel

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    1. Liebe Bärbel,
      guten Morgen!

      Vielen Dank für deinen energischen Kommentar :-D

      Es regnet in Strömen, am Himmel ziehen die Vögel von Nordosten nach Südwesten.
      Das würde ich ihnen jetzt vor dem Winter gerne gleichtun, so wie früher ... allein heutzutage fehlt mir das Budget dazu.

      Das wird trotzdem ein schöner Tag. Ich gehe ins Yoga und werde so viele Om tönen wie möglich.

      Damit ich beim Gedanken an den real existierenden NeoLiberalismus möglichst wenig mit den Zähnen knirsche ...

      Beste Grüße & alles Gute!
      mo jour

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  3. Früher war insofern alles besser, dass die Arbeitgeber ihre Verantwortung für die Arbeitnehmer nicht einfach auf den Staat abgewälzt haben. Früher hat ein normaler Arbeiter oder Handwerker mit seinem Lohn eine Familie ernähren können. War vielleicht alles ein bisschen knapp, aber es ging. Frag mal einen Bäckergesellen, was der Ende des Monats nach Hause bringt!
    Heute lassen sich Unternehmen mehrfach vom Staat subventionieren. Sie erhalten Steuervorteile, zahlen weniger für den Strom und zahlen ihre Mitarbeiter müssen ihren Lohn mit Hartz IV aufstocken.
    Ist schon alles sehr ungerecht.
    Dir wünsche ich erstmal viel Glück bei der Stellensuche - du findest bestimmt wieder was, egal was.
    Und sorry. Deine Mail ist bei mir angekommen, aber täglich ein Stückchen nach unten gerutscht.
    LG
    Sabienes

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