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Wir sind umgezogen!

Januar 2021

Das Büro für besondere Maßnahmen ist ab sofort erreichbar auf mojour.de

Nach und nach werden alte Beiträge – ggf. aktualisiert und überarbeitet – dorthin umziehen. Bitte folgen ... :-)

Sonntag, 24. Januar 2016

Angélique Ionatos

- Auf dem Hexenbesen durch das Musikerinnen-Alphabet! -

Wir fangen einfach wieder bei A an:

Die in Frankreich lebende Exilgriechin Angélique Ionatos schreibt und komponiert eigene Stücke, vertont und singt aber auch Gedichte von Sappho, Nobelpreisträger Odysseas Elytis, Frida Kahlo, Mikis Theodorakis u.v.a. 

"Mes soeurs sorcières" (Meine Hexenschwestern) vom aktuellen Album "Reste la lumière" (2015) - ist, wie sie selbst in einem Interview sagt,  eine "...hommage aux femmes courageuses, eine Hommage für die mutigen Frauen, die gleichzeitig Hexen und vergessene Feen sind ... dieses Lied habe ich für die griechischen Frauen geschrieben ...":


(Die Anmod zu "Mes Soeurs Sorcières" beginnt bei 3:37)

Das erste Mal stieß ich auf ihre Musik ungefähr 1992 im Weltmusik-Plattenladen unter den S-Bahnbögen hinterm Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg. Dort fand ich die CD 'Sappho de Mytilène', auf der sie gemeinsam mit Nena Venetsanou die Lieder der antiken Dichterin singt. In klassischem Griechisch. So, wie sie sich vorstellt, dass Sappho (sprich: sapfó) die wenigen von ihr erhaltenen Texte gesungen haben könnte.

Den spannenden Plattenladen gibt es schon lange nicht mehr; weiß noch eine, wie der hieß? Der Eingang war von der Knesebeckstraße aus, am Diener Tattersall vorbei. Da landete ich regelmäßig, wenn ich Fernweh hatte, aber kein Geld für ein Ticket. Musik aus fremden Ländern hat mich immer getröstet, mir über den grauen deutschen Alltag hinweg geholfen - und tut es bis heute. Vielleicht kann ich euch ja ein bisschen damit anstecken?

Ich hörte die CD im Laden durch, war hingerissen und nahm sie mit. Angélique Ionatos und ihre Musik ließen mich nicht mehr los, begleiten mich bis heute.

Ende der 1990er Jahre hatte ich das große Glück, diese wunderbare Künstlerin einmal vor einem Konzert in der Berlin Marheinekekirche in einem Interview persönlich kennenzulernen.

Auf meine Frage, was sie sagen würde, wenn sie die Gelegenheit hätte, eine halbe Stunde lang mit Sappho zu sprechen, antwortete sie lachend: "Ich würde sie bitten, dass sie für mich singt."

Unerhört!

Samstag, 16. Januar 2016

Mordende Moderatorin?

- Ein Fundstück -

Neulich feierte die ARD Moderatorin Judith Rakers ihren 40. Geburtstag. Sie ist eine Steinziege, wie ich.

gefunden bei: web.de


Normalerweise guck' ich ja kein Klatsch und Tratsch. Ausnahmsweise habe ich mich aber doch durch die Bildergalerie bei web.de geklickt, weil ich diese vielseitige kompetente Frau sehr mag und weil ich ihr sehr gönne, dass sie mit - ab jetzt - jenseits der 40 noch auf so einem öffentlichen Posten arbeiten und sogar in einem Tatort des NDR sich selbst spielen darf.

Mir wurde nämlich damals in dem Alter gesagt, dass eine Frau mit 40 zum alten Eisen gehört und für gute Jobs nicht mehr brauchbar sei. Was auch irgendwie zu stimmen schien: Schlagartig mit meinem 40. Geburtstag bekam ich auf meine durchaus hochqualifizierten Bewerbungen keinerlei Einladung mehr, und eine meiner Qualifikation entsprechende Stelle hatte ich seither nie wieder gefunden.

Das aber nur am Rande, denn eigentlich geht es mir hier um etwas ganz anderes, nämlich um ein wunderbares Fundstück aus meinem Alltag als 'Korrekturleserin ohne Auftrag':

Laut web.de ist oder war Frau Rakers Fachfrau für mörderische Aktivitäten. Sie hat das allseits bekannte (?!?) "ARD Nachrichtenformat" Mordenmagazin moderiert. So steht es in der Bildunterschrift. Habt Ihr's bemerkt?!

Das "Mordenmagazin" kenne ich zwar noch nicht, aber vielleicht mag mich jemand aufklären. Als bekennende Krimileserin mit inzwischen wirklich professionell inspirierten Mordsphantasien mag ich Frau Rakers ab sofort noch viel mehr, und ich könnte sie mir auf einem solchen Posten auch sehr gut vorstellen: So erschreckend harmlos wie sie wirkt sonst keine!

Freitag, 8. Januar 2016

Jahreszitat 2016

Meine Lebensveränderungen im vergangenen Jahr waren für mich so groß, so fundamental und gewaltig, dass ich unverändert mit Sortieren, Loslassen und Ankommen beschäftigt bin.

Schon ausgepackt? Schon eingelebt?

Schließlich habe ich die Gegend, die ich gerne 'Heimat' genannt hätte, nicht ganz freiwillig verlassen. Den Ort, wo ich hin bin, den habe ich mir dann zwar selbst ausgesucht, weil ich möglichst nah ans Meer wollte – aber fortgezogen aus dem sonnig warmen Südwesten bin ich vor allem, weil es für mich keine bezahlbare Unterkunft mehr gab und ich kurz vor der Obdachlosigkeit stand.

Der katholische Vermieter im spießigen Winzerdorf hatte mich wegen „Eigenbedarf“ vor die Tür gesetzt, und es gab für mich als „Hartz-IV-Aufstockerin“ einfach keine günstige Wohnung, deren Kosten das Jobcenter als 'angemessen' übernommen hätte. Ein weiteres Trauma, das erst noch irgendwie verputzt werden will.

Es war ein unermessliches Glück, dass ich meine jetzige Wohnung überhaupt gefunden habe, dass ich hier einziehen durfte und dass alles alles alles geklappt hat. Es war dazu auch nicht nur Glück notwendig, sondern ebenso viel eigene Arbeit und Unterstützung  von vielen mir wohl wollenden Menschen. 

Für dieses große Glück und die Chance auf einen „Reset", einen Neuanfang nach vielen Jahren unglücklichen und glücklosen Seins im Südwesten – meinem „toten Jahrzehnt" – bin ich unendlich dankbar. Es macht ja auch großen Spaß, all das viele Neue, Unbekannte ... Abenteuer im wilden Osten!

Dennoch:

Der Umzug – mehr als 1000 km quer durch Deutschland von Südwest nach Nordost – hat meinen Alltag radikal verändert: Ich habe mich aus meinem Freundeskreis und Arbeitsumfeld gerissen, habe mich (wieder einmal) selbst entwurzelt und bin am neuen Ort erst einmal unendlich verloren in meiner Einsamkeit. Das lässt sich nicht von heute auf morgen einfach abstellen. Ich lerne zwar schnell neue Menschen kennen, aber ich begegne nur wenigen, die ich wirklich in meinem Leben nah dabei haben will.

Das Ankommen dauert, und es dauert alles viel viel länger als ich anfangs dachte. Innerlich bin ich immer noch so aufgewühlt, dass ich mich kaum äußern kann und mag – und öffentlich schon gleich gar nicht. Ich habe noch lange nicht fertig sortiert, es ist längst nicht alles aufgeräumt.

Dabei bin ich so ein ungeduldiger Mensch, will alles immer sofort und alles immer perfekt erledigt haben, weil mein Leben mich sonst zwickt und zwackt und sich so unerträglich anfühlt wie ein neues, steifes, noch nicht gewaschenes Kleidungsstück.

Ein 'schönes perfektes geselliges erfolgreiches glückliches Leben' kann ich nicht ZACK! so einfach herbeizaubern (bin ja schon froh, wenn ich das mit der Gesundheit so einigermaßen hinkriege). Ich gestehe, ich habe die Radikalität des Wechsels unterschätzt und hatte gehofft, dass es mir leichter fallen würde, mich in der Fremde als "freie Wurzellose/Radikale" einzurichten.

Ankommen, Boden unter die Füße schaffen, vielleicht auch wieder neue Wurzeln schlagen – all das braucht Zeit, braucht Netzwerken, Mut, Neugier, Geld auch. Ich benötige diesmal mehr Zeit als früher, um mich willkommen geheißen, um mich angekommen und heimisch zu fühlen. Damals, bei meinen großen Ortswechseln im Alter von 20, 30, 40 Jahren fiel mir das erheblich leichter als jetzt mit halbe Hundert plus.

All die gut gemeinten freundlichen Nachfragen „Und, hast du dich schon eingelebt?“ beantworte ich mit der ebenso freundlichen, weil erwarteten Erfolgsmeldung „Ja klar! Alles ist gut“, – und meine damit, dass ich die meisten Kartons ausgepackt habe, dass ich weiß wo der nächste Supermarkt ist und der Schuster, dass die Heizung funktioniert und die Katze gesund ist.

Innerlich aber schreie ich „Nein! Wie kannst du das nur fragen?! Ein Leben, mein Leben ist das hier noch lange nicht! - Nun setz' mich doch nicht so unter Druck und lass 'mir die Zeit, die ich brauche! Schau doch hin, wie es mir wirklich geht und womit ich beschäftigt bin! Ich kann doch noch gar nicht „eingelebt“ sein! Das ist ja genau so, wie wenn einer fragt, ob ich das Essen schon fertig habe – obwohl er genau sieht, dass ich noch nicht einmal mit Kartoffelschälen fertig bin.“

Deswegen. Hat es so lange gedauert, bis ich mein aktuelles Jahreszitat küren konnte. Und genau deswegen! Verkünde ich für 2016 das Motto

Geduld macht gute Bratkartoffeln.

Das mag jetzt nach flapsigem Sponti-Spruch und piefigem Bratkartoffelverhältnis klingen. Ist es aber nicht.

Es bedeutet nämlich keineswegs, dass ich die Hände faul und untätig in den Schoß legen kann und will oder dass ich darauf warte, dass andere meine Hausarbeit erledigen. Gute Bratkartoffeln machen sich nicht von alleine.

Ich brauche nicht nur die richtigen Zutaten von bester Qualität, stimmige Voraussetzungen und sorgfältige Vorbereitung. Darum muss ich mich eingehend kümmern: Das Wichtigste sind gute Kartoffeln. Außerdem brauche ich eine Pfanne und einen funktionierenden Herd oder zumindest eine Feuerstelle. Ein scharfes Messer zum Schälen. Als weitere Zutaten brauche ich gutes Öl, das nicht raucht und ein paar Körnchen Salz. Das sind die unverzichtbaren Basics.

Alles andere ist Kür und unterliegt der Wandlung des aktuellen Geschmacks: Pfeffer kann dazu und Petersilie, auch Speck und Zwiebel; vielleicht sogar ein Ei – das ist dann schon Luxus.

Vor allem wollen die Bratkartoffeln aufmerksam beobachtet und zur rechten Zeit gewendet werden, nicht zu früh und nicht zu spät. Das Feuer unter der Pfanne darf nicht zu heiß und nicht zu schwach sein, denn wir mögen unsere Fried Potatoes weder angebrannt noch dürfen sie bleichgesichtig auseinanderfallen.

Zur Geduld gehören also auch blitzwache Achtsamkeit und profunde Kenntnisse des Handwerkszeugs. Sonst werden die Bratkartoffeln keine guten.

Geduld macht gute Bratkartoffeln ...

… bedeutet übrigens nicht, dass es jetzt bei mir nichts anderes mehr zu essen gibt. Es darf auch mal schnell ein feuriges Steak geben, es darf auch mal Fastfood sein oder die geschenkten Früchte aus Nachbars Kleingarten oder auch mal gar nichts.

Alles zu seiner Zeit.

Ich wünsche Euch allen ein gutes Jahr 2016 voll der köstlichsten Überraschungen und dass nicht nur die Bratkartoffel-Projekte gut gelingen – aber die vor allem!

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Rostock hilft

Seit Anfang September kommen auch hier im Nordosten der Republik vermehrt flüchtende Menschen aus verschiedenen Ländern an. Sie haben ihre Heimat in Afghanistan-Eritrea-Irak-Syrien-Tschetschenien-Ukraine verlassen, sind geflohen vor Krieg und anderen lebensbedrohlichen Zuständen.

Mehrere Hundert sind es täglich allein in Rostock. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Ankünfte sind nicht vorhersehbar, nichts ist planbar. Viele treffen am Rostocker Hauptbahnhof ein, kommen über Hamburg. Viele von ihnen sind 'nur' auf der Durchreise, möchten weiter nach Skandinavien: Vom Rostocker Überseehafen aus legen Fähren nach Dänemark, Schweden und Finnland ab.

Tor zur Welt:
'Flüchtige' Fähre zwischen den Molen von Warnemünde

Die Flüchtenden-Ankommenden-Weiterreisenden angemessen zu versorgen mit Informationen, Verpflegung, Unterkunft, Kleidung, medizinischer Versorgung, Transport, Fahrkarten und anderen Not-Wendenden Ressourcen ist eine nicht nur logistische Herausforderung, die es in sich hat.

Ungezählte haupt- und ehrenamtliche Helfer*innen sind engagiert dabei, u.a. das Deutsche Rote Kreuz Rostock mit Not- und Transitunterkünften, das Ökohaus Rostock mit den offiziellen Flüchtlingsunterkünften; auch die Stadt Rostock hat (etwas spät, aber doch) Anfang Oktober eigens ein neues 'Amt für Flüchtlingsangelegenheiten und Integration' eingerichtet.

Eine Initiative, die mich besonders fasziniert, ist „Rostock hilft“. Unter dem Motto "Freedom of movement is everybodies right!" werden die geflohenen Frauen, Männer und Kinder schnell und unbürokratisch auf jede nur denkbare Weise unterstützt.

Logo der Hilfsplattform
Rostock hilft

Wie an vielen anderen Orten in Deutschland ist auch 'Rostock hilft' eine lockere Gemeinschaft, ein Schwarm von Helfenden studentischen Ursprungs, der sich über die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und ein Blog selbst organisiert.

Das Ganze mit einer Geschwindigkeit und Effizienz, die nicht nur mich ehrfurchtsvoll mit den Ohren schlackern und mit großen Augen staunen lässt. JedeR ist eingeladen und willkommen zu helfen. Egal wie alt du bist und egal wo dein Ausweis wohnt: We are one Planet.

'Rostock hilft' bietet nicht nur eine zentrale Telefonnummer für die Koordination aller Hilfsaktivitäten, es gibt zudem planende und vorausschauende Versammlungen, Küchen, ein zentrales Spendensammel-Lager, Übersetzer*innen, Fahrdienste, Demonstrationen, Begleitung der Reisenden auf den Fähren, Konzerte, Empfang und Versorgung am Bahnhof ebenso wie am Fährterminal, Stullenschmieraktionen, Bustransporte, therapeutische Unterstützung für Helfende und und und ... 

Innerhalb kürzester Zeit hatte die Gruppe allein auf Facebook fast 10.000 (in Worten: Zehntausend!) Abonnenten.

Wer helfen und/oder spenden möchte, kann anrufen oder sich eintragen in Schichtpläne im Netz. Wenn es Lücken gibt, unbesetzte Schichten, plötzliche Notwendigkeiten à la „... wir haben genug Kuscheltiere, brauchen aber jetzt dringend Herrenschuhe und Rasierzeug …“ wird das flott und effektiv übers Internet verbreitet.

Irgendwie war es eher Zufall, dass ich dieses Netzwerk fast vom ersten Tag seines Bestehens an in meiner Timeline hatte. Zunächst habe ich Dinge gespendet – und weil ich kein Auto mehr habe, wurden meine großen, mit Decken, Kissen, warmen Jacken, Bettzeug, Medikamenten, Schokolade etc. prall gefüllten Rucksacktaschen flugs von netten jungen Menschen bei mir abgeholt. Innerhalb von nicht mal zwei Stunden. Zack und weg und weiter!

Dann entstand eine Notunterkunft ganz in meiner Nähe. "Wer Zeit hat und helfen möchte, bitte einfach vorbeikommen," hieß es. Ich hatte Zeit und wollte helfen und ging einfach vorbei. Das war Mitte September. Seitdem helfe ich einmal in der Woche, einen halben bis dreiviertel Tag lang: Aufräumen, Kleider sortieren, viel mit den Menschen reden. Ängste nehmen. Das ist nicht viel. Andere machen viel viel mehr. Aber das ist, was ich derzeit und mit längerfristiger Perspektive regelmäßig spenden kann: Meine Zeit, meine Empathie, meine Sprachkenntnisse, meine Erfahrung und Kompetenz im Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

Was anderen hilft, tut auch mir gut.

Zum einen tut es gut, zu sehen, wie viele Menschen voller Hilfsbereitschaft sich in dieser Situation kompetent und engagiert einsetzen und geben, was sie können. Ich erweitere meine eigenen Netzwerke hier in meiner neuen Stadt.

Außerdem befriedigt es meine Neugier und besänftigt diffuse Ängste: Ich wollte und will wissen, wer da zu uns kommt – und ich lerne: 

Da kommt keine Flüchtlingskrise, 
sondern da kommen Menschen. 

Ganz wunderbare Menschen, die viel Schlimmes erlebt haben. Einzelne. Es sind viele auf einmal. Aber so ist das Leben. Es bleibt eine Herausforderung. Immer. Für die, die da kommen genauso wie für uns, die wir schon da sind.

Die angebotenen Hilfen reichen oft nicht aus. Logistisch. Menschlich. Finanziell. Wenn die Reisenden trotz zahlreicher Spenden zum Beispiel keine passenden Schuhe finden und barfuß in Badelatschen auf die Fähre nach Schweden müssen. Wenn es für das Wenige, das sie noch besitzen, noch nicht einmal mehr eine Reisetasche gibt und sie ihre kleine Habe in eine Plastiktüte packen müssen. Wenn es nicht genug Schlafplätze gibt, wenn sie in riesigen Turnhallen dicht an dicht ohne jegliche Privatsphäre übernachten müssen. Wenn es keinen Bus gibt vom Bahnhof zur Fähre oder vom Bahnhof zur Notunterkunft, wenn es dann heißt: Stundenlang warten in der Kälte. Wenn trotz Schichtplänen einfach nicht genug Menschen da sind zum Helfen und manche nach 36 Stunden non-stop-Hilfsdienst selbst zu Hilfesuchenden werden …

Niemand hat DIE Patentlösung. Aber ich spüre in dieser Stadt etwas sehr Wohltuendes: Ganz ganz viele Menschen sind daran interessiert, gute Lösungen zu finden – offiziell und inoffiziell; mit bester Kraft dazu beizutragen und mitzuwirken, dass es für die Newcomers, die Neuankömmlinge hier möglichst gut wird – und sie lassen sich weder behindern noch bremsen von restriktiven Politikern oder einem giftigen Gegenwind von rechts außen.

Das beeindruckt mich sehr.

Mittwoch, 30. September 2015

Neue Aussicht

Wenn eine nicht nur umzieht, sondern mehr als 1000 km fernab der Gegend, die sie gerne 'Heimat' genannt hätte, ganz allein auf sich gestellt ein neues Leben beginnt – ohne Familie, ohne Freunde, ohne Arbeit – dann ist zumindest eines wichtig:

Eine Wohnung, die sicher ist. Die Bedeutung von 'sicher' hat mehrere Facetten.

Zuallerst muss die Wohnung sicher sein in finanzieller Hinsicht. Nicht nur die Miete, auch Heizung, Nebenkosten, Strom und Telefon wollen Monat für Monat bezahlt sein.

Sonnenblumenhaus in herbstlicher Morgensonne

Nach meinen schlimmen Erfahrungen im Südwesten bedeutet 'sicher' für mich auch, dass es niemanden mehr gibt, der mich durch fortgesetztes Mobbing aus der Wohnung rausekeln will, weil ihm plötzlich meine Nase nicht mehr passt. Und auch das Amt sollte keine Gründe mehr haben, mich erneut und über Jahre quälend aus meiner neuen Wohnung raus und in die drohende Obdachlosigkeit zu schikanieren.

Das Thema 'Vermieter' hat sich für mich so sehr erledigt, dass es in diesem neuen Blog erst gar nicht mehr im Titel auftaucht. Ein großes Glück! Meine Wohnung gehört zu einer Genossenschaft, in der ich selbst Mitglied bin. Ich bin hier also ein klitzebisschen gefühlte Miteignerin.

Die Genossenschaft war freundlich genug, mich als Nutzerin zu akzeptieren, obwohl mein eigenes Einkommen derzeit nicht ausreicht und ich ergänzendes Arbeitslosengeld beziehe. Hier im Nordosten wurden die Wohnungen vor gar nicht langer Zeit noch angeboten mit der Überschrift „für Hartz-IV-Empfänger geeignet“.

Eine solche Offenheit wäre im reichen Freiburg unvorstellbar. Ganz im Gegenteil! Einer der Gründe für meinen nicht ganz freiwilligen Umzug vom Südwesten in den Nordosten der Republik war unter anderem, dass es mir trotz jahrelanger Suche nie gelungen ist, eine passende Wohnung zu finden, deren Miete notfalls vom Jobcenter übernommen worden wäre.

Dieser permanente Druck, täglich aufs Neue nach etwas suchen zu müssen, das es einfach nicht gab, diese kafkaeske Situation war entsetzlich schwer auszuhalten und hat mich immer wieder krank gemacht.

In diesen beiden Punkten bin ich in der neuen Wohnung also nun 'sicher'. Nach all den traumatisierenden Jahren des 'Nichtgewolltseins', des 'Vertriebenwerdens' muss ich mich an diesen – für andere Menschen völlig normalen – Zustand erst wieder gewöhnen.

Neulich mal, als ich gerade mit dem Müll in der Hand die Wohnungstüre öffnete, hörte ich weiter unten im Treppenhaus andere Menschen. Reflexartig machte ich die Türe sofort wieder zu. Das Herz schlug mir bis zum Hals, so sehr hatte ich Angst und Panik. Den Vermietern, diesen widerlichen Spießern mit ihren permanenten Beleidigungen, wollte ich auf keinen Fall begegnen müssen!

Erst allmählich wurde mir klar, dass es ja gar keine Vermieter mehr gibt im Haus. Wie alle anderen auch habe ich hier das Recht, unbehelligt im Treppenhaus auf und ab zu gehen. Völlig egal, ob ich dabei den Müll in der Hand halte oder ungeschminkt bin. Es gibt niemanden mehr, der oder die mir Böses will.

Also holte ich tief Luft, startete einen neuen Versuch und brachte meinen Müll in den Container. Das Herzklopfen aber blieb und verschwindet nur allmählich. Ich fürchte, dass diese Angst, überhaupt auch nur die Wohnung zu verlassen, mich noch eine Weile begleiten wird.

Der Müllcontainer ist hier übrigens riesengroß, niemals überfüllt und wird zweimal die Woche geleert. Krasser Gegensatz zu meinem 35-l-Mülltönnchen mit 14-tägiger Abholung im Winzerdorf!

Ausreichend große Container und funktionierende Abfuhr sind wichtig, damit man im Alltag jederzeit Altes, Belastendes oder nicht mehr Notwendiges loslassen kann.

Dieser Aspekt gehört zur dritten Facette von Sicherheit, die die neue Wohnung mir bietet:

Die Sicherheit, mich hier kontinuierlich wohlzufühlen, wirklich ankommen zu wollen und zu können. Das ist mit meiner Reizfilterstörung nicht einfach. Diese hochsensible Wahrnehmungsfähigkeit all meiner Sinne kann ich nicht abstellen. Mir ist schnell alles Mögliche zu viel, zu nervig, zu laut, zu hell, zu eng, zu irgendwas. Eine Wohnsituation, die für jemand anderen einfach nur schön und ideal wäre, bedeutet für mich eine Gratwanderung zwischen den Polen 'meistens akzeptabel' und 'überwiegend unerträglich'.

So auch hier. Die neue Wohnung ist hell, im Haus ist es relativ ruhig. Die nächsten Häuser sind weit genug weg, niemand kann mir direkt in die Fenster gucken. Meine Aussicht geht wieder nach Westen, ich kann jeden Tag mit einem Sonnenuntergang beenden.

Nur mit dem Unterschied, dass ich am Horizont nicht mehr die sanft geschwungene Linie der Weinberghügel sehe. Statt dessen versinkt die Sonne hinter der schnurgeraden Kante anderer Plattenbauten. Einer davon ist das Sonnenblumenhaus, das bei den ausländerfeindlichen Ausschreitungen im August 1992 traurige Berühmtheit erlangte.

Aber das ist lange her, und es gibt nun wirklich optisch Schlimmeres, als eine Neubau-Skyline in mehr als 200 Meter Entfernung hinter einem breiten Grünstreifen, in dem sich sogar alte Obstbäume befinden.